„Fürther Modell“ ersetzt das Sozialticket. Tut es das wirklich?

Montag, 06. Juni 2011 um 00:00 Uhr
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Leserbrief: „Fürther Modell“ ersetzt das Sozialticket. Tut es das wirklich?

Mit der Finanzierbarkeit eines Sozialtickets ist es wie mit der Sicherheit von AKWs. Es kommt ganz darauf an, welche Annahmen man macht. Spielen wir das einmal für das Fürther Sozialticket durch und nehmen zwei extreme Voraussetzungen an. In Fürth gibt es wahrscheinlich 7000 Menschen, die Anspruch auf ein Sozialticket hätten – genaue Zahlen sind nicht bekannt. Nehmen wir weiter an, dass alle monatlich ein Sozialticket für 15 Euro kaufen würden anstatt ein Solo 31 Ticket zu 35 Euro. Damit würde sich bei seiner Einführung ein jährlicher Verlust von 7000 x 20 x 12 Monate = 1.68 Millionen Euro für die infra fürth verkehr gmbh errechnen. Wenn man umgekehrt annimmt, dass sich diese Menschen bislang gar kein Solo 31 Ticket für 35 Euro leisten konnten, nun aber alle das Sozialticket für 15 Euro kaufen würden, errechnet man analog für die infra einen Gewinn von 1.26 Millionen Euro. Die richtige Antwort kennt keiner, aber sie liegt irgendwo dazwischen. Damit entsteht leider der Eindruck, dass mit diffusen Zahlen argumentiert wird, um die Einführung eines echten Sozialtickets zu erschweren. Deswegen wurde aus dem Publikum vorgeschlagen, doch einfach einen dreimonatigen Probelauf mit dem Sozialticket zu starten. Dann hätte man reale Zahlen.

Beim Sozialticket geht es aber nicht allein um Zahlen sondern in erster Linie um Menschen. Die Betroffenen werden durch die ständigen Fahrpreiserhöhungen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Elisabeth Reichert empfindet darüber tiefen Schmerz. Weil Sepp Körbl und die SPD im Fürther Stadtrat den Zustand auch nicht gut finden, hatten sie angekündigt, dass sie einem Sozialticket zustimmen würden, wenn die Fahrpreise wieder erhöht würden. Auch Herr Partheimüller hatte ein Sozialticket zum Ausgleich für Preiserhöhungen angeboten. Diese Zusagen haben sie aber nun gemeinsam vergessen. Deswegen soll das Sozialticket jetzt durch ein „Fürther Modell“ mithilfe einer Bürgerstiftung ersetzt werden. Das kann bestimmt nicht schaden. Es besteht allerdings die Gefahr, dass eine dauerhafte „Zwischenlösung“ eingerichtet wird, die den wirklichen Bedürfnissen nicht gerecht werden kann. Das „Fürther Modell“ bringt pro Kopf vielleicht 5 Euro Zuschuss. Besser als nichts, sagen die Betroffenen. Aber sie sagen auch: nur Krumen vom Tische des Herrn, vor allem wenn das Provisorium zur Dauerlösung verkommt. Diese Gefahr besteht wegen des Grundvertrages des Verkehrsverbundes Großraum Nürnberg (VGN), in dem festgelegt ist, dass Mitglieder für einnahmemindernde Tarifmaßnahmen Ausgleichszahlungen leisten müssen. Solche Verträge sind aber von Politikern gemacht und können von ihnen im Sinne einer menschlichen Sozialpolitik geändert werden. Die Aussagen von Frau Reichert sowie der Herren Körbl und Partheimüller zur zwingenden Notwendigkeit eines Sozialtickets bleiben solange Lippenbekenntnisse, als sie die Änderung dieses Grundvertrages nicht mit allen Mitteln vorantreiben. Andernfalls betreiben sie nur Sozialpolitik nach Gutsherrenart. Die drei haben nämlich den Vorteil, dass sie, im Gegensatz zu den Betroffenen, ihre Fahrten mit dem ÖPNV nicht durch die 5 Euro Pauschale aus dem „Fürther Modell“ aufbessern müssen. Die FEI und das Fürther Sozialforum werden jedenfalls nicht aufhören, sich  zusammen mit den Betroffenen für die Einführung eines Sozialtickets einzusetzen, das diesen Namen auch verdient.

Peter A. Lefrank, Fürth, 5. Juni 2011